Warum gibt es auf einer Homepage zum Dehnungstraining einen Menüpunkt zum Faszientraining?

Weil nicht nur beim Faszientraining, sondern auch beim Yoga, Pilates usw. der Anteil der Dehnungsübungen hoch ist, beim Faszientraining sogar sehr hoch.

Die folgende Abbildung belegt diese Einschätzung, denn auf den gezeigten Büchern sind als Titelfoto vor allem Dehnungsübungen zu sehen.

Ein Buch (1) trägt explizit den Titel „Faszien-Stretching“.

Auf dem Buch von Robert Schleip, einem der Hauptvertreter des Faszientrainings in Deutschland (2), ist auch zu sehen, was neben den Dehnungsübungen der bekannteste Bestandteil ist: das Training mit der Faszienrolle (3).

Man könnte etwas überspitzt fragen

Ist Faszientraining das neue Dehnen?

Oder

Dehnst du noch oder nennst du es schon Faszientraining?

Wer sich mit dem Thema und vor allem mit dem wissenschaftlichen Hintergrund näher beschäftigen möchte, kann den folgenden Beitrag von Divo G. Müller und Robert Schleip aus dem Jahre 2011 lesen.

„Faszientraining, Theorie und Praxis zum Aufbau eines geschmeidig-kraftvollen Bindegewebes“

Oder sich Dokumentationen anschauen

Faszien - Geheimnisvolle Welt unter der Haut (Dokumentation Deutschland 2017 | arte)

Quarks & Co: Geheimnisvolle Faszien - Neues vom Rücken (Moderation: Ranga Yogeshwar | WDR Fernsehen, 2013)

Oder einen Vortrag

Muskel-Faszientag 20. Mai 2017 | Vortrag von Robert Schleip

Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen zum Faszientraining

1. Der Begriff „Faszien“ im engeren Sinne, so wie er in Anatomiebüchern benutzt wird, bezeichnet die äußere Hülle um ganze Muskeln.

2. Auf dem ersten Faszienkongress 2007 in Boston wurden unter dem Begriff „Faszien“ auch andere Strukturen subsumiert:

  • Sehnen
  • Bänder
  • Knorpel
  • Das Endomysim
  • Das Epimysium
  • Das Perymysium
  • Aponeurosen

3. Der Grund für diese Entscheidung war, dass alle diese Strukturen aus Kollagen bestehen.

4. Faszien verlaufen bei Jugendlichen, die sich viel bewegen, wellenförmig und scherengitterartig, und können viel Energie speichern (vor allem Sehnen, Katapult-Effekt wie z. B. auch bei Kängurus). Sie passen sich an hohe und andauernde Zugbelastungen mit einer Ausrichtung der Kollagenfasern in Zugrichtung und mit einer Materialzunahme (Hypertrohie) an.

5. D. h. umgekehrt auch, dass Bewegungsmangel zu einer Verfilzung und zu einer Atrophie der Faszien führt.

6. Ein hoher Wassergehalt macht Faszien gleitfähiger, Massage, Training mit der Faszienrolle und Bewegung führen zu einer Durchsaftung der Faszien.

7. In Faszien finden sich freie Nervenendigungen, d. h. sie können Auslöser für Schmerzen, z. B. Rückenschmerzen sein.

8. Durch Botenstoffe, die durch Stress ausgeschüttet werden (TGF), kann es zur Spannungszunahme der Faszien kommen.

9. Das fasziale System überzieht durch die Verbindung zwischen verschiedenen Faszien den ganzen Körper. Es gibt myofasziale Ketten (Muskel-Faszien-Ketten; oberflächliche Rückenlinie, oberflächliche Frontallinie, laterale Linien, Spirallinien, funktionelle Rückenlinie, funktionelle Frontlinie), die longitudinal Zugkräfte auf angrenzende Körperregionen übertragen.

10. Aus diesen Aussagen werden Trainingsempfehlungen abgeleitet, die vor allem aus rhythmischen Bewegungen (Hüpfen), dynamischen Dehnungen, Dehnungen über mehrere Gelenke und dem Training mit der Faszienrolle bestehen und den Zustand wie unter 4. beschrieben herstellen sollen.

Auch nach eigener Aussage der Faszienforscher sind diese Erkenntnisse nicht alle neu, neu ist hingegen das Zusammentragen der Erkenntnisse die Fokussierung auf die Faszien.

 

Stellungnahme, Einordnung „Faszientraining“

Wie stellt sich das Faszientraining, das vor allem aus der Medizin und der Physiotherapie heraus entwickelt wurde, aus der Sicht eines Sportwissenschaftlers, der sich über 30 Jahre mit dem Dehnen beschäftigt hat, dar?

Positiv ist an der Aktualität des Faszientrainings, dass dem Dehnen eine so große Bedeutung beigemessen wird und z. B. die Verletzungsprophylaxe durch Dehnungstraining von diesen Erkenntnissen gestützt wird (Anpassung des Bindegewebes).

In der Phase, die durch die Stretchingwelle (Anderson, 1980) und durch die Funktionsgymnastik (Knebel, 1985) gekennzeichnet war, sollten Muskeln nur isoliert gedehnt werden, so sollte z. B. bei der Rumpfbeuge der Rücken nicht mitgebeugt, sondern gestreckt gehalten werden. Auch hier ist durch das Faszientraining ein Umdenken erfolgt, dem zugestimmt werden kann.

Zu begrüßen ist auch, dass beim Faszientraining dynamisch gedehnt werden soll. Diese Dehnmethode wurde durch die Veröffentlichungen zum Stretching übertrieben und mit falschen Argumenten kritisiert und erst in den letzten Jahren wieder rehabilitiert.

Am innovativsten am Faszientraining ist sicherlich das Training mit der Faszienrolle. Da die positive Wirkung von Massage z. B. bei der Regeneration (Reduzierung von Muskelkater) nachgewiesen ist (Duputy et al., 2018) und das Training mit der Faszienrolle der Massage ähnelt, ist hier ebenfalls ein positiver Effekt zu erwarten und deutet sich in ersten Studien auch an (Fleckenstein et al, 2017).

 

Einige kritische Anmerkungen gibt es allerdings auch.

1. Man findet häufig die Aussage, dass Bindegewebe und Faszien früher, d. h. z. B. in älteren Anatomiebüchern nicht beachtet wurden. Das stimmt so nicht, wie das Zitat von 1987 zeigt:

„Binde- und Stützgewebe passen sich nicht nur durch ihre Materialmenge, sondern auch durch ihre Anordnung und Ausrichtung ihrer Extrazellulärmatrix der herrschenden Beanspruchung an. Kollagenfibrillen im Binde-, Knorpel-, und Knochengewebe verlaufen in Richtung größter Dehnung des Gewebes.“ (Rauber & Kopsch, 1987, S. 18)

In dieser Ausgabe wird das Bindegewebe auf den Seiten 13-49 dargestellt, das Muskelbindegewebe auf den Seiten 145-147, Sehnen auf den Seiten 148-155.

2. Die Entscheidung, alle Strukturen des Bindegewebes als Faszien zu bezeichnen (s. o., 1. – 3.), ist aufgrund der unterschiedlichen Lage, Form, Zusammensetzung, Architektur und Funktion der Gewebe nicht nachzuvollziehen.

3. Innerhalb der Sportwissenschaften gibt es eine Vielzahl von Erkenntnissen zur Wirkung des Dehnens, z. B. dass die Ruhespannung von Muskeln langfristig nicht reduziert werden kann, aber auch zur Frage der Verletzungsprophylaxe, die bei Veröffentlichungen zum Faszientraining nicht berücksichtigt werden.

4. So werden auch Untersuchungen zur Wirkung unterschiedlicher Dehnmethoden (CR, AC, CR-AC) nicht beachtet, z. B. die Frage, ob die Dehnreflexe die Wirkung des Dehnens beeinflussen. Die PNF Methoden sind sowohl dem dynamischen als auch dem statischen Dehnen bei der langfristigen Verbesserung der Beweglichkeit überlegen.

5. So entscheiden sich die Faszienforscher für die Methode des dynamischen Dehnens, ohne dies detailliert zu begründen oder zu untersuchen.

6. Dass Bindegewebe nach Immobilisationen „verfilzt“ und Bewegung zu einer Wiederherstellung führt (z. B. Dehnen, vgl. Menüpunkt 7, Habilitation, 2 Zur Wirkung von Immobilisationen von Tiermuskeln in ge- und in entdehntem Zustand), ist schon 40-50 Jahre bekannt (Goldspink). Dazu gibt es umfangreiche Literatur, auch zur Frage der Zu- oder Abnahme der Sarkomere in Serie, die nicht einbezogen wird.

7. Das Training mit der Faszienrolle kann bei unsachgemäßer Anwendung zu Hämatomen, Problemen mit den Venen und Lymphgefäßen führen.

8. Noch vor wenigen Jahren wurde die Holzhackerübung als unfunktionelle Übung eingeordnet (Link http://www.sportunterricht.de, 5. Übung), die gesundheitliche Probleme verursachen kann ("Wippen und Federn bewirken keine Dehnung der Muskulatur. Außerdem erhebliche Belastung der Bänder und der Lendenwirbelsäule"), nun taucht sie als „schwingendes Schwert“ wieder auf.

9. Das Tensegrity Modell (Vortrag von Robert Schleip, Min 7:30 - 14:50) wird in seinem Erkenntniszuwachs überbewertet. Das Zuggurtungsprinzip ist in der Anatomie lange bekannt. Dabei spielen aber die Muskeln die entscheidende Rolle, nicht die Faszien. Dass deren Spannung eher gering ist, sieht man daran, dass die meisten Muskeln beim Dehnen erst im endgradigen Bereich Spannung entwickeln (und dafür sind vor allem die Titinfilamente in den Sarkomeren verantwortlich und weniger die Faszie), und daran, dass man weder einen schlafenden, noch einen ohnmächtigen Menschen aufrecht hinstellen kann. Dies geht nur mit aktiver Muskelspannung.

Beim Versuch des wissenschaftlichen Nachweises der myofaszialen Ketten (Faszien - Geheimnisvolle Welt unter der Haut, Min 4:00 ff.) bewegt sich beim Bewegen des Fußgelenks die Faszie oberhalb des Kniegelenks zwar tatsächlich (Min. 6); da der Wadenmuskel zweigelenkig ist und auch das Kniegelenk überspannt, ist dieser Beleg eher zweifelhaft. Die Frage ist auch: Was kommt denn von dieser Spannung noch im Hüftgelenk an?

Eine Beschreibung einer myofaszialen Kette lautet folgendermaßen:

„Die lateralen Linien fassen den Körper von der Seite. Sie verlaufen von der mittleren lateralen Seite des Fußes um den Außenknöchel entlang der Außenseite des Beines und des Rumpfes unter den Schultern hindurch zu den Ohren.“

Das hört sich – etwas übertrieben formuliert – so an, als würde dann, wenn man den Fuß proniert und supiniert (die Fußaußenkannte hebt und senkt), gleichzeitig das Ohr wackeln. Tut es aber nicht, nicht einmal, wenn man die Muskeln anspannt. Es heißt, einige der myofaszialen Ketten seien evidenzbasiert. Schaut man in die entsprechende Dissertation (Wilke, 2016), finden sich aber keine Zahlen.

Dort werden lediglich Studien an Leichen zusammengefasst, mit dem Hinweis, dass deren Aussagekraft limitiert ist (S. 24). Der zweite Forschungsansatz, die Untersuchung der Veränderung von Gelenkwinkelveränderungen beim Dehnen anderer Bereiche (Faszien - Geheimnisvolle Welt unter der Haut, Min 6:30 ff.), bleibt fragwürdig. So gibt es z. B. beim Dehnen auch kontralaterale Effekte ohne eine Verbindung über myofasziale Ketten.

10. Beim Faszientraining handelt es sich um einen Methodenmix. Welche Wirkung durch welche Methode erzielt werden kann, kann nur durch Untersuchungen einer Methode geklärt werden.

11. Dass Dehnen (und auch Yoga) z. B. Rückenschmerzen zu über 50% reduzieren kann (Quarks & Co: Geheimnisvolle Faszien - Neues vom Rücken, Min 40:15, Studie als PDF), zeigt, dass auch andere Bewegungsprogramme wirksam sind. Ob Faszientraining effektiver ist, muss sich noch zeigen.

Fazit: Dehnen ist wichtig, dies ist schon lange bekannt, auch lange bevor über Faszientraining gesprochen wurde.

Also doch "Alter Wein in neuen Schläuchen" oder besser "Altes Bindegewebe in neuen Faszien"? Eher ja.

 

Kritische Stimmen findet man auch im Spiegel Artikel „Von der Rolle“ von Veronika Hackenbroch (Nr. 48, 24.11.2018, S. 118-120).

Für Online-Abonnenten zu lesen unter

„Was ist dran am Hype um die Faszienbehandlung?

Faszien umhüllen Muskeln, Knochen, Organe. In ihnen liege, so heißt es, der Quell vieler Schmerzen, also ließen sich diese über sie auch lindern. Über das Wesen eines Wellness-Hypes.

"Das Wichtigste für den Erfolg einer Therapie", sagt Robert Schleip und lächelt fein, "das Wichtigste ist eine gute Geschichte."

Schleips eigene Geschichte ist perfekt. Der Ex-Hippie und drahtige Mittsechziger, der seine grauen Haare im Nacken mit einer Silberspange zusammenhält, ist Faszienforscher und Bestsellerautor – und eine der treibenden Kräfte des Faszien-Hypes, der seit einigen Jahren entbrannt ist. Nun kann man nicht mehr zur Massage oder Krankengymnastik gehen, ohne dass der Physiotherapeut das Hohelied der Faszien singt; zu Besuch bei Freunden, stolpert man über Faszienrollen zur Selbsttherapie, Partygespräche drehen sich um die sensationellen Erfolge des Faszientrainings im Kampf gegen den Schmerz. …

Den Bindegewebshüllen eine ganz besondere Eigenschaft zuzuschreiben, so wie überzeugte Faszinados das machen, sei derzeit jedenfalls nicht gerechtfertigt, sagt Christoph Thalhamer, Physiotherapeut aus Wien und Verfechter der evidenzbasierten, also auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Medizin.“ ...

 

Da das Geschäft mit dem Faszientraining tatsächlich auch ein Geschäft ist (z. B. Verkauf von Faszienrollen), ist eine gewisse Skepsis sicher angebracht.

Skeptisch machen auch Sätze wie: „Denn Faszientraining … hält den Körper in Form, weil es für eine jugendliche und straffe Silhouette sorgt.“

Vorwort von

Faszien-Fitness – 4. Auflage: Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport, 2015

von Robert Schleip & Johanna Bayer

 

Das folgende Abstract vom 1. Fitnesswissenschaftskongress am 24.02.2018 an der IST-Hochschule für Management, Düsseldorf

von Prof. Dr. Jürgen Freiwald, Bergische Universität Wuppertal, Arbeitsbereich Bewegungs- und Trainingswissenschaft beinhaltet ähnlich kritische Anmerkungen

Neueste Forschungsergebnisse zur Faszie im Sport

Zunächst wird Fasziengewebe definiert und klassifiziert, die Anatomie und Physiologie sowie die biomechanischen Eigenschaften des Fasziengewebes besprochen.

Die in der Literatur beschriebenen sechs ‘‘Myofascial Lines’’ sind nicht evidenzbasiert.

Fasziales Bindegewebe verbindet und trennt unterschiedliche Körperregionen und -gewebe; es dient sowohl der Kraftübertragung als auch der Kompression.

Aus biomechanischer Sicht ist fasziales Bindegewebe in der Lage zu kontrahieren, wenn auch nicht unter physiologischen Bedingungen und mit kaum messbarer Kraftentwicklung.

Durch Foam-Roller (FR) wird hoher Druck auf das darunterliegende Gewebe ausgeübt, was zu Schädigungen von Nervengewebe, Rezeptoren, Gefäßen und Knochen führen kann – insbesondere bei Vorschädigungen und Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Krampfadern oder Osteoporose.

›› Entgegen den werblichen Versprechungen sind die Wirkungen von FR im sportlichen Anwendungsfeld wenig untersucht (Aufwärmen, Muskeltonus, Stress, Regeneration, Blutfluss, Kraftfähigkeiten, Sprungleistungen, anaerobe Leistungsfähigkeit; Sensomotorik, Koordination).

Die bisherigen Befunde zum FR sind widersprüchlich und zeigen keinen bedeutsamen Einfluss.

Hinweise zur Wirksamkeit des FR gibt es im Bereich der Beweglichkeit, wobei die Effekte des FR nicht an die Wirkungen traditioneller Dehnmethoden heranreichen.

Für die Bereiche der Regeneration nach sportlichen Belastungen sowie zur Schmerzreduktion bei Muskelkater gibt es erste Wirksamkeitsnachweise; vergleichende Studien mit tradierten Methoden (z.B. Wärme; Massage; Cold-Water-Immersion) zur Regeneration fehlen jedoch.

FR übt auf das darunterliegende Gewebe (Faszien, Muskulatur, Nerven, Gefäße, Knochen) hohen und potentiell schädigenden Druck aus, der bis zum Zehnfachen der höchsten Kompressionsklasse 4 reicht und doppelt so hoch ist wie bei Studien mit kompletter Okklusion.

›› Gegenwärtig existiert für FR keine trainingswissenschaftlich und evidenzbasierte Trainingsmethodik.

Zukünftige Untersuchungen müssen konkrete Zielsetzungen, Ein- und Ausschlusskriterien sowie die physiologischen Grundlagen des FR klären und festlegen.

Ferner müssen Foam-Roller bezüglich ihrer Konstruktion an die individuellen Bedürfnisse in Sport und Therapie angepasst werden (z.B. Material, Durchmesser).

Bevor diese Arbeiten nicht geleistet und die offenen Fragen nicht beantwortet sind, ist Foam-Rolling nur mit Vorsicht und unter Berücksichtigung potentieller Risiken anzuwenden.